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Onkel Albert
Onkel Albert lag tot auf dem Balkon, gestern war er gestorben. Zuerst hatten sie ihn in Annas Zimmer aufgebahrt. Gegen Abend murmelte Kurt aber irgendwas vor sich hin, das so ähnlich klang wie: »In der Wohnung ist es zu warm, die fangen schnell an zu muffeln. Ich lege ihn lieber auf den Balkon, bis wir ihn unter die Erde bringen«, und jetzt lag Onkel Albert auf dem Balkon. War es tatsächlich erst einen Tag her, dass er die Giftspritze erhalten hatte? Sie hatten eine lange, offene Diskussion über diese Art der Sterbehilfe geführt; nun war Onkel Albert tot, sanft in Uschis Armen entschlafen. Uschi behauptete, dass sie richtig gespürt hatte, wie sein Herz immer langsamer schlug, bis es schließlich ganz still stand. Das war genau zehn Minuten nach der Todesspritze.
»Papa, trifft Onkel Albert im Himmel Tante Frieda wieder?«
»Ja, ganz sicher, Anna, tröstete Kurt seine Tochter. Sei nicht so traurig, Onkel Albert kann froh sein, dass wir ihn abspritzt ... ähem ... einschläferten. Nach seinem Schlaganfall hätte er sich nur noch gequält. Jetzt ruht er in Frieden, ähem ... jetzt ist er im Himmel. Morgen begraben wir ihn auch im Wald, direkt neben Tante Frieda.«
»Aber wird ihn Tante Frieda noch mögen, sie starb doch sehr jung und Onkel …«
»… Albert war ein halbseitig gelähmter, fetter, alter Schwabbel«, fiel ihr Kurt, leicht gereizt ins Wort.
»Rede nicht so mit dem Kind, es leidet schon genug!« Uschi regte sich langsam über Kurt auf.
Ihr Mann verfügte über das Feingefühl eines Büffels, aber er besaß auch dessen Gehänge. Uschi gestand sich ehrlich ein, dass diese Kombination nicht nur Nachteile besaß. Bei dem Gedanken an Kurts Ausstattung stiegen Bilder in Uschi auf, die sie gewaltig erregten. Sie sah sich nackt, mit weit gespreizten Schenkeln, auf einem Sarg liegen. Kurt hüpfte - nur mit Anglerstiefel bekleidet, unter Absingen von rituellen Gesängen und mit seinem monströsen, wild wippenden Phallus um den Sarg. Uschi erschrak zutiefst vor den Abgründen, die sie soeben in sich selbst entdeckt hatte. Sie spürte ihre Nässe und brach schuldbewusst in hysterisches Schluchzen aus. Anna beteiligte sich sofort.
»Ja drehen denn jetzt hier alle durch? Schließlich hat doch nur einer, der lange genug gelebt hatte, den Löffel abgegeben und außerdem, wer oder was, frage ich, war denn schon Onkel Albert! Ein gottverdammtes, fettes Arsch ...«
»KUURRRT!«
Uschi schrie den Namen regelrecht beschwörend und flehend. Kurt schaute auf seine kleine Tochter, holte tief Luft und atmete dann ganz langsam aus. Anschließend machte er einen Ausfallschritt nach links außen, spreizte die Beine und verlagerte damit sein Monstergehänge in eine etwas bequemere Position. Die ganze Sache entspannte ihn so stark, dass er auch noch peitschend furzte. Anna schaute ihren Papa bewundernd an. Niemand in ihrer Klasse, auch keiner der Jungs, konnte so furzen wie ihr Vater.
»Papa, das kannst du bestimmt nicht noch mal«, provozierte Anna den Furzer mit hoffnungsvoll glänzenden Augen. Kurt mochte es nicht, wenn man seine außergewöhnliche Körperbeherrschung in Frage stellte. Er hob den linken Fuß leicht an und wiederholte die Aktion, zwar nicht ganz so laut wie vorher, aber immer noch durchaus beeindruckend. Anna klatschte begeistert hüpfend Beifall und sang: » Papa furzt am besten, trallala... Papa furzt am besten... trallala!« Auf einmal fiel ihr der auf dem Balkon liegende, tote Onkel Albert wieder ein, und ihre Stimmung schlug total um.
»Papa, glaubst Du an Jesus?«
»Nun, ähem, äh, dass Jesus einmal gelebt hat, das glaube ich schon, da spricht einiges dafür.«
»Das meinte ich eigentlich nicht, ich will wissen, ob du glaubst, dass Jesus Gottes Sohn ist und durch ihn alle Toten in den Himmel kommen?«
»Hm, du hast eindeutig die Intelligenz von mir und die Nerverei von deiner Mutter geerbt, ich will jetzt nicht weiter über Jesus reden, Anna, okay?«
»Aber das ist doch sehr wichtig, Papa, denk doch an den armen Onkel Albert. Ich will wissen, ob Onkel Albert in den Himmel kommt«, trotzte Anna und stampfte wütend mit ihren kleinen Füßen auf den Boden. Kurt musste alle Beherrschung aufbieten, um nicht laut zu werden. Stattdessen, ging er in die Küche, riss den Kühlschrank auf, griff sich eine der vielen, gut gekühlten Flaschen und nahm, nachdem er den Kronenkorken mit den Zähnen geöffnet hatte, genüsslich einen großen Schluck.
»Kurt, glaubst du an den lieben Gott?« Uschi war ihm in die Küche gefolgt. Prustend spie Kurt das Bier aus. Jetzt reichte es ihm endgültig, das gute Maisel's so zu verschwenden. Kurt rastete völlig aus.
»NEEEIIINNN!
Du blöde Henne, ich glaube nicht an den lieben Gott! Ich gebe dir einen guten Rat, lass mich in Ruhe, sonst liegst du bald neben Onkel Albert und kannst dann lange auf deinen Gott warten. Notwendig ist das allerdings nicht. Ich kann dir auch so sagen, dass der liebe Gott nicht existiert. Das ewige Leben ist eine Erfindung von Weicheiern und Warmduschern, die nicht die Tatsache akzeptieren wollen, dass mit dem Tod alles vorbei ist.«
»Aber Kurt, ich wollte doch nur ...«
»Lass mich erst einmal meine Meinung zu diesem lieben Gott und der ganzen Wiederauferstehungsscheiße sagen, verstanden?«
Mit aufgerissenen, erschrockenen Augen und offenem Mund starrte Uschi ihn an, doch Kurt bemerkte das nicht. Wütend fuhr er fort:
»Es stirbt sich halt leichter, wenn man an eine Wiederauferstehung glaubt. Hah, ewiges Leben, dass ich nicht lache. HAHAHAHAHA!«
Dieses HAHAHAHA hörte sich grauenhaft an! Kurt sah schrecklich aus, er hatte einen knallroten Kopf und seine Augen erinnerten fatal an Heino. Er stieg auf einen Stuhl, hob, wie segnend die Arme und schrie:
»FÜRCHTET EUCH NICHT! GOTT WIRD ERST STERBEN, WENN WIR ALLE EWIG LEBEN!«
Der Stuhl wackelte bedenklich, Kurt stieg hinunter und legte eine kleine Pause ein, aber nur, um nach einem tiefen Luft holen hervorzustoßen:
»Von wegen ewiges Leben. Unsere letzte Funktion in diesem beschissenen Leben ist die, dass wir ein Entsorgungsproblem darstellen, weil wir vor uns hin faulen und herum stinken. Zum Trost sabbeln dann die Pfaffen was von Seelen, die beim lieben Gott sind und reden über grüne Auen, auf denen er uns weidet. Ich frage dich, was soll der Scheiß?«
Kurt hatte vom Schreien einen trockenen Hals bekommen. Ziemlich erschöpft griff er nach dem Maisel's. Eine kurze Zeit hörte man nur ein gieriges, tiefes Gluckern. Uschi wollte eigentlich flüchten, aber sie blieb wie gelähmt auf ihrem Platz stehen.
»Aaaahhh, guuuut!«
Kurt stellte das leere Glas ab, wendete sich wieder Uschi zu und fuhr nun etwas ruhiger fort:
»Noch ein paar Worte zu deinem lieben Gott, falls er doch existiert. Wieso bitte, ist dieser Gott lieb? Dieser liebe Gott unternahm nichts, als Menschen gefoltert, gevierteilt und als Hexen verbrannt wurden. Dieser liebe Gott duldete die Pest, die Cholera und die Lepra. Dieser liebe Gott akzeptierte unzählige Kriege, er schaute zu, als Millionen Menschen wie Ungeziefer vergast wurden. Macht das ein lieber Gott? Was macht dein lieber Gott jetzt, in diesem Augenblick, wo wir zwei miteinander reden? Ich kann es dir sagen: Er lässt Kinder lebendig am Krebs verfaulen, und er unternimmt nichts dagegen, dass Kinder an Mukoviszidose qualvoll ersticken!
ENTWEDER EXISTIERT DER KERL NICHT, ODER ER IST ALLES ANDERE ALS EIN LIEBER GOTT! UND JESUS?
Mit Jesus habe ich auch nichts am Hut, kapiert? Ich hasse Typen, die sich nicht wehren, aber nach einem Schlag die Fresse noch ein zweites Mal hinzuhalten, das ist doch wohl mehr als schwachsinnig. Genau dazu, fordert aber dieser Jesus auf. Also, verschone mich mit diesen zwei Gestalten, klar, Uschi?«
Uschi schob Anna aus der Küche, die ihnen gefolgt war und vor Schreck sogar das Weinen vergessen hatte. Dann dreht sie sich noch einmal um, maß ihren Mann mit vernichtendem Blick und schlug die Küchentür so heftig zu, dass sie in den Angeln wackelte. Kurt zuckte müde die Achseln und rülpste laut. Etliche Flaschen später, stolperte er auf den Balkon, öffnete die Holzkiste, in der Onkel Albert lag, schaute auf ihn hinunter und nuschelte:
»Schoo, da liegscht du alscho und läscht die langen Ohren hängen. Wir hätten diesch doch schlachten sollen, wie ich esch wollte. Jetsch hab ich nen Riesenstretsch mit Uschi am Halsch - wegen einem Zwergkarnickel, dasch der Tierartscht einschläferte. Naja, was scholls! Proscht, Onkel Albert.«
© 1998 by kap
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