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Undergroundliteratur

BAMBULE

In Block Eins waren die Gefangenen ausnahmslos in Einzelzellen untergebracht. Es gab lediglich eine große Zelle als Arbeitsraum, in dem Knackis, die sich bewährt hatten, die Schuhe gemeinsam nähen durften. In Block Eins zu sitzen galt als eine verkappte Disziplinarstrafe, für jugendliche Straftäter mit ungünstiger Prognose, aber das erfuhr ich erst später. Ich saß in Zelle Neun, auf meinem Hocker, vor mir eine Plastikkiste mit halbfertigen Mokkassins und wachste den Faden ein, mit dem ich eine Lasche auf den nächsten Schuh nähen wollte. Fünfzehn Paar am Tag waren das Soll, dann erreichte ich Lohnstufe Drei und verdiente vierzig Mark im Monat. Zur Zeit schaffte ich gerade einmal acht Paar. Übermorgen lief die Schonfrist der Einarbeitungszeit ab. Es war eine beschissene, mühevolle, unglaublich stupide Arbeit, bei der man sich auch leicht verletzte. Die Fäden, mit denen die Laschen auf die Mokassins genäht wurden, schnitten einem oft und ganz schön tief ins Fleisch. Ich trug zwar an der rechten Hand so eine Art Handschuh aus Leder, aber die Schutzwirkung von dem Ding war einfach lächerlich. Ich schaute in die Plastikkiste mit den fertigen Schuhen. Ein Paar lag darin, daneben ein einzelner Schuh - Ausschuss. Die Lasche war eingerissen, das passierte, wenn man nicht sauber nähte. Ich konnte es nicht ändern, also machte ich weiter. Ich nahm den Faden ... zog ihn in die Nadel ein, und dann ging es wieder los: Mokassin nehmen, Lasche ansetzen, Nadel einführen, Mokassin gut festhalten, den Faden kräftig, aber dennoch mit Gefühl anziehen, und... fertig! Nadel ins nächste Loch einführen, Lasche festhalten, den Faden kräftig, aber dennoch mit Gefühl anziehen, und ... fertig! Dann, zur Abwechslung, Nadel ins dritte Loch einführen, Lasche festhalten, den Faden kräftig, aber dennoch mit Gefühl anziehen, und ... fertig! Eine Woche machte ich das jetzt schon. Erreichte ich wider Erwarten die Lohnstufe Drei, dann konnte ich mir drei Koffer Tabak und eine Bombe Nescafé kaufen. Ein Koffer Tabak reichte mir etwa drei Tage, na gut, wenn ich die Drehungen extrem dünn machte, dann vielleicht vier. Für drei Päckchen Tabak und ein zweihundert Gramm Glas Nescafé saß ich in einer halb dunklen Zelle und nähte wie ein Blöder. Wie sagte doch Zeller, der Anstaltsleiter? »Glaube mir, wir wollen nur dein Bestes!«

Ist das hier zu meinem Besten? Diese verdammte Gummistrafe: Sechs Monate bis drei Jahre! Je nach Führung. Hätte ich eine Feststrafe von einem Jahr, dann würden die verdammten Schlappen in den Hof fliegen. Die Nadel flutschte in das zehnte Loch des Mokassin, der Faden wurde kräftig, aber dennoch mit Gefühl angezogen, und ... fertig! Ich grübelte weiter: Wen kann ich noch wegen Tabak anhauen? Hanky auf keinen Fall. Er hat mir schon genug geholfen. Die Lage wurde langsam bedrohlich. Ich hatte nur noch die, in den letzten Wochen eifrig gesammelten Kippen. Ich legte den Schlappen aus der Hand, ging zum Tisch und griff nach dem Gotteslob, das ich dem Pfarrer abgeluchst hatte. Die dünnen Seiten eigneten sich vorzüglich als Zigarettenpapierersatz. Ich riss eine Seite heraus, öffnete ein paar Kippen und drehte mir mit den Krümeln eine Haller-Havanna. Den Rauch gierig inhalierend, dachte ich darüber nach, was wohl meine Lola machte. Sie schrieb mir noch gelegentlich. Eigentlich ganz erstaunlich, immerhin saß ich ja schon drei Monate in Schwäbisch Hall. Im letzten Brief von ihr stand allerdings, dass sie im Blow Up, unserer Stammdisco, Franco getroffen hatte und er mich grüßen ließ. Hah, dass ich nicht lache, Franco trifft meine Lola, auf die er schon immer heiß war, lässt mich grüßen, und ich soll mich auch noch darüber freuen. So, im Blow Up trafen sie sich? Nun, wahrscheinlich passt der Name wie die Faust auf´s Auge. Franco bekam alle Frauen herum. Er beherrschte die Kunst, in jedem weiblichen Wesen ein kleines, geiles Schweinchen zu wecken. Vermutlich, hatte er dieses kleine, geile Schweinchen auch schon längst in meiner Lola geweckt. Draußen bumsen sie unsere Mossen, und wir müssen an der Zwiebel herum rupfen. Da kommen einem doch die Tränen. Mist, ich muss mich irgendwie ablenken! Doch wie, fragte ich mich. Drei Leihbücher pro Woche und den Empfang eines Radiosenders über Kopfhörer, das erlaubte man uns. Gute Romane hatten Seltenheitswert, denn die Bibliothek bestand zum großen Teil aus Spenden. Titel wie: Handbuch des Württembergischen Geflügelzüchtervereins und Kochgeheimnisse mit Pfiff, lockten zum Zündeln. Egal, irgendwie musste ich abschalten. Ich nahm ein Buch zur Hand, legte mich auf's Bett und las den Titel: Das Schweigen im Walde. Oha, bestimmt kacke! Ich fing an zu lesen: Die Erzählung handelte von einem Bauern, der oft zu Gott betete und seine Scholle fleißig pflügte. Er fuhr voll auf ein Model ab, dass sich aus unerfindlichen Gründen als Magd verdingt hatte. Die Magd betete nicht zu Gott, aber sie riss für jeden im Dorf die Schere auf und ließ sich pflügen. Dies tat sie natürlich voller Ekel und nur, um sich an den Männern zu rächen. Ein namentlich nicht genannter Graf, vermutlich Rudolfo von Riesenrüssel, hatte sie mit einem Kind sitzen lassen. Die Magd wollte von dem Bauern nichts wissen. Der Bauer redete vor lauter Kummer nur noch ausschließlich mit Gott und bearbeitete seine Scholle immer hektischer. Die Magd riss ihre Schere immer öfter auf und ließ sich Ihre Scholle immer rasanter bearbeiten. Irgendwie, kam dann noch ein Jäger in die Handlung, wieso, woher und warum, blieb mir verschlossen. Die Scherenmagd verliebte sich in den Jäger, der verzieh ihr die ganze Vögelei und adoptierte ihr Töchterlein. An der Stelle, wo der betende Bauer zu einem ständig fluchenden Wilderer mutierte, welcher das Glück der kleinen Familie bedrohte, reichte es mir endgültig! Ich feuerte den Schinken in die Ecke, stand auf, ging zu meiner Kiste mit den Schlappen, setze mich auf den Hocker und fing wieder an zu nähen. Ich führte die Nadel in das elfte Loch ein, hielt die Lasche fest und zog den Faden kräftig, aber dennoch mit Gefühl an, und ... fertig! Ich führte die Nadel in das zwölfte Loch ein, hielt die Lasche fest und zog den Faden kräftig, aber dennoch mit Gefühl an, und ... fertig! Ich führte die Nadel in das dreizehnte Loch ein, hielt die Lasche fest und zog den Faden kräftig, aber dennoch mit Gefühl an und ... RATSCH! Die Lasche war ausgerissen. Ich sprang auf, öffnete das Fenster und brüllte: SO EINE RIESENSCHEIßE HIER!« Dann segelte ein Schlappen nach dem anderen in den Hof. »SO EINE GOTTVERDAMMTE, VERFICKTE RIESENSCHEIßE HIER«, brüllte ich nochmals, so laut ich nur konnte. Die Initialzündung. Ein Leidensgenosse hämmerte sofort mit seinem Blechnapf gegen das Gitter und schrie: »BAMBUULEE!« Die erste, brennende Rolle Scheißhauspapier flog in den Hof. »BAMBUULEE!« Dann vielstimmig, mit unglaublicher Wut und abgrundtiefem Hass: »BAMBUUULEEE! BAMBUUULEEE! BAMBUUULEEE!« Alles Mögliche sauste raus! Mokassins, Bücher, Anklageschriften, Gerichtsurteile, Gnadengesuche, Briefe, Socken, Unterhosen, Unterhemden, Filzpantoffeln und unzählige brennende Klopapierrollen. Und immer, immer wieder das wilde Hämmern der Blechnäpfe an den Gittern und der Schrei: »BAMBUUULEEE! Über mir krachte es gewaltig. Die Einzelteile eines Hängeschranks flogen in den Hof. Glas klirrte. Überall schepperte es. Doch irgendwann, viel, viel später, dann die Warnung: »ACHTUNG, Schließer!« Der Lärm verebbte allmählich. Es war vorbei.

Nach einer Bambule stellten die Schließer immer ein Rollkommando zusammen und mischten einige von uns auf. Ich hechtete auf's Bett, rollte mich ein, und machte einen auf "friedlicher Schläfer". Dann fiel mir ein, wie meine Zelle aussah. Scheiß drauf! Ich kurbelte mir eine Haller-Havanna, legte mich wieder hin, nahm ein paar tiefe Züge, setzte den Kopfhörer auf und schloss die Augen: »OHHH HAPPY DAY«, sangen die Edwin Hawkin Singers. Damit es auch ja jeder kapierte, wiederholten sie, diesmal eindringlicher: »OHHH HÄÄÄPPIIIIIIIIIHHHH DEEEEEEHHHHH!« Mich schüttelte ein gewaltiger Lachanfall! Japsend, krampfhaft nach Luft schnappend, lachte ich, und lachte und lachte - und die Tränen liefen mir herunter.

 

© 1997, by kap

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