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Texte von H. Kapeller (kap)

Notizen

Wir schwitzten und stanken zu dritt in diesem Blechkäfig vor uns hin. Schon eine Woche kurvte der Transporter von Knast zu Knast, sammelte Knackis ein und brachte sie dorthin, wo sie ihre Strafe absitzen mussten. Jeden Abend schliefen wir in einem anderen Gefängnis - auch eine Möglichkeit Deutschland kennen zu lernen. Es war im Hochsommer, vor fast vierzig Jahren. Damals gab es für die schweren Jungs noch das Zuchthaus, und Knast bedeutete wirklich Knast, auch für jugendliche Straftäter. Ich hatte eine happige Jugendstrafe eingefangen und schaute durch einen schmalen Fensterschlitz hübschen Mädchen in Miniröcken nach. »Schau dir mal die Möpse von der da an«, Gilgin heulte fast. Von Gilgin wusste ich nur, dass er wie ein Iltis stank und das Gehirn eines Vogels besaß. »Die Sau hat keinen BH an und sicher auch keinen Slip«, stammelte er mit vor gestülpten Glotzaugen weiter. Ich schaute auch zu dem Mädchen hin. Es war höchstens achtzehn Jahre alt, hatte langes blondes Haar, ein schmales, hübsches Gesicht, einen herrlichen Kussmund, große braune Augen und ewig lange Beine. Der Knackitransporter musste halten. Das Mädchen stand direkt vor mir und wartete an der Ampel. Wir schauten uns in die Augen, und ich schwöre, dass es mir zulächelte. Ich spürte ein Ziehen in der Brust, wirklich in der Brust, nicht in der Hose. Damals packte mich nur ein arg flaues Gefühl. Heute weiß ich, es war die Ahnung, gerade die besten Jahre meines Lebens zu verlieren. Die Fußgängerampel schaltete um; das Mädchen ging weiter. »Wenn ich die Moss vögeln dürfte, dann würde ich freiwillig noch ein Jahr länger abreißen,« jammerte Gilgin und knetete seinen Schwanz. Hanky und ich sahen uns nur an, wir brauchten nie viel miteinander reden, jeder wusste genau, was der andere dachte. Das einzig Gute an dieser Situation hier war, dass Hanky neben mir saß. Mein Schatten.Wenn es auf diesem Planeten wirkliche Freunde gab, dann Hanky und mich. Wir wuchsen zusammen auf und gingen in dieselbe Schule. Hanky war immer der Klassenstärkste und später, unumstritten, einer der härtesten, unter den jugendlichen Schlägern in unserem Stadtteil. Er half mir bei Keilereien, wenn das mal nötig war, und das kam recht häufig vor. Den ersten Rausch erlebten wir zusammen, die erste Möse erforschten Hanky und ich gemeinsam. Ich hätte mich für Hanky umbringen lassen und er sich für mich. Es war also nur logisch, dass wir zusammen in diesem Blechsarg saßen und von Kessel zu Kessel gondelten. »Wenn du zu wichsen anfängst, werde ich unangenehm!« Hanky tobte nie, sondern sprach immer mit ruhiger Stimme. Gilgin schätze das falsch ein und wollte dicke Backen machen, doch zu seinem Glück fuhr der Sammeltransporter inzwischen langsamer. Wir waren angekommen. Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Hall!

Das riesige Tor öffnete sich, und der Transportbus tuckerte rein. Die Käfige wurden aufgeschlossen, und schon brüllte einer der Wächter: »Wiederkehrer nach links, Neuzugänge nach rechts!« Hanky, als Rückfalltäter, musste sich links einordnen. Ich war noch nie dort gewesen und landete auf der rechten Seite. Kein besonders guter Start, gleich am Anfang trennten sie uns. »Charly, wir sind bald wieder zusammen, melde dich zum Baukommando«, rief mir Hanky noch zu, dann marschierte er mit seiner Kolonne ab. Unsere Gruppe wurde zur Kleiderkammer gebracht, dort mussten wir die Zivilkleider abgeben. Alle erhielten Anstaltsklamotten. Damals gab es tatsächlich noch blaue Hemden mit weißen Streifen und aufgestickten Nummern. Ich hatte die Wäschenummer 409. Ein Kalfaktor, in Schwäbisch Hall Schänzer genannt, teilte Wolldecken, Bettbezüge, Leintücher, Blechnäpfe und Besteck an uns aus. Schwer bepackt marschierten wir zum Zugangsblock. Dort baute sich einer der Schließer wichtigtuerisch vor uns auf: »Ihr bleibt jetzt vierzehn Tage im Zugangsblock, man wird Gespräche mit euch führen und am Schluss entscheidet dann die Zugangskonferenz, wie ihr euren Knast hier abreißt. Wer nicht spurt, fliegt in den Bunker. Hier herrscht Ordnung!« Fast niemand hörte ihm zu, wir waren alle ziemlich aufgewühlt und redeten wie Marktweiber durcheinander. »Das Reden am Fenster ist verboten und wird mit Einkaufssperre bestraft! Wer Tabak oder andere Sachen von Fenster zu Fenster pendelt, der landet im Bunker! Für Tauschgeschäfte gibt es Bunker. Beteiligungen an Schlägereien bringen Bunker ein. Dabei ist es völlig egal, wer angefangen hat. Jede Bambule endet im Bunker. Falls noch jemand unter euch ist, der nicht weiß, was Bunker bedeutet; Bunker nennen wir die Arrestzellen im Keller, in denen ihr Disziplinarstrafen absitzen müsst. Wir haben genügend davon.«

Auf einmal wurde es doch ruhig. Der Schließer griff sich in den Schritt, lagerte seinen Sack etwas bequemer und fuhr dann fort: »In den Zellen befindet sich nichts, außer einem Hocker und einem französischen Klo. Geschissen wird im Stehen. Ihr habt da unten nichts zu Lesen, nichts zum Rauchen und keinen Kopfhörer. Zum Frühstück gibt es Malzkaffee und zweihundert Gramm Brot, das Mittagessen besteht aus Pfefferminztee und zweihundert Gramm Brot. Am Abend gibt es wieder Pfefferminztee und trockenes Brot.« Man hätte eine Stecknadel herunterfallen hören. Der Schließer bemerkte die Wirkung seiner Worte und genoss es sichtlich. Er legte sogar eine Pause ein, um die Spannung zu erhöhen. »Zum Schlafen bekommt ihr eine Holzpritsche, ohne Matratze, in die Zelle. Hofgang gibt es nur jeden dritten Tag, allerdings alleine, im Schweigehof. Jeder dritte Tag ist ein so genannter Guter Tag, da gibt es das normale Anstaltsessen und am Abend eine Matratze auf die Holzpritsche. Am folgenden Tag geht dann wieder alles von vorne los. Bevor ihr aber im Bunker landet, kommt ihr zuerst einmal vierzehn Tage in Absonderung. Da habt ihr zwar normales Essen, aber Einzelhofgang und selbstverständlich keine Bücher und keinen Kopfhörer. Ihr seht also, es empfiehlt sich, hier die Hausordnung einzuhalten!«

Mich überraschte dieser Vortrag nicht besonders. Hanky hatte mir schon genug von Schwäbisch Hall erzählt. Viel mehr beunruhigte mich das Strafmaß, das sie mir reingedrückt hatten: Mindeststrafe sechs Monate - Höchststrafe drei Jahre! Ausgerechnet die verhasste Gummistrafe! Hatte ich Glück und führte mich demütig auf, dann war ich in sechs Monaten wieder zu Hause; beteiligte ich mich an einer Bambule oder machte sonst irgendwie Zoff, dann konnte ich bis zu drei Jahren brummen. Der Schließer führte uns in den Zugangsblock, und wir wurden auf Einzelzellen verteilt. Ich packte mein Bündel aus und bezog das Bett. Bis zum Abendessen dauerte es noch eine Weile, also legte ich mich hin und fing an zu grübeln. Ein schwerer Fehler! Drei Jahre ... einhundertsechsundfünfzig Wochen ... eintausend ...

 

***

 

 

Du sollst nicht lügen      

 

Das halb dunkle Zimmer, dieser Geruch ... Ich ging die wenigen Schritte, zog die Jalousien hoch, öffnete das Fenster sperrangelweit und atmete tief durch. Helles, fröhliches Lachen klang herauf. »Tuk, tuk, tuk, wer soll das sein?«, »Räuber!« In der Grünanlage spielten Kinder. Ich drehte mich um, sah ihn an, den kaputten Trinker, den Egoisten und notorischen Lügner, der einen schon anlog, wenn er den Mund auch nur zum Gähnen aufmachte. Endstation! »Drei Uhr hat's geschlagen, die Räuber kommen nicht! Vier Uhr hat's geschlagen, die Räuber kommen nicht! Fünf Uhr hat's geschlagen ...« Eine Schwester hastete herbei, und die Kinder rannten kichernd davon. Ich setzte mich auf einen Stuhl, griff nach der Zeitung, blätterte kurz darin, legte sie wieder beiseite. Ich brauchte eine Zigarette. Ein paar tiefe Züge vorm Haupteingang, dann war ich wieder zurück und wartete. Er wachte auf, sein Blick war erstaunlich klar. »Vater«, ich musste schlucken, »wie geht es ...« Ich brach ab - schwieg. Vater nahm meine Hand und drückte sie schwach. Doch dann war er für einen Augenblick fast wieder der Alte, und sein Lächeln wirkte sogar ein bisschen boshaft, als er leise sagte: »Danke, man lebt.«

 

 

***

 

 

Eine kleine Persiflage à la Kap  

 

Ich gehe durch die Stadt, ein Mann furzt, zwei Pferde wiehern, wir stinken. Ein Nachtfalter stirbt als Ikarus. Ich betrete eine Kneipe. Eine Frau. Zwei Titten hängen herunter, der Wirt auch, vom Deckenbalken. Kopulierende Fliegen scheißen auf seine tote Glatze. Ich scheiße ebenfalls, hinter die Theke. Draußen: Ein Auto überfährt eine Frau, der Fahrer bohrt in der Nase. Ein Schuss trifft ihn genau in das fehlende Auge, er greift sich an den Schwanz - tot. Eine Sirene heult, die Nachtigall singt, ein Schwein pfeift, der Pförtner schweigt. Er schwitzt. Mücken schwirren umher. Ein Pfarrer kratzt sich am Sack, läutet seine schweren Glocken. Das Zölibat! Hinter der Kneipe das Kloster. Eine Nonne sieht den Bischof, der ist schwul. Sein Dackel hat Krebs. Hinten, im Garten, der fette Mönch. Nackt. Er pisst, mit kräftigem Strahl, entwurzelt mühelos das frisch gepflanzte Apfelbäumchen. Er bückt sich, greift nach einer schwarzen Rose, riecht an ihr, riecht an seinem Stiel - weint, steckt sich die Rose in den Arsch... stöhnt, haucht zärtlich ihren Namen: »Katharina«.

 

 

***

 

Julia wollte es doch auch

 

Let spend the night together ...  

 

Die Kassette läuft jetzt schon zum zweiten Mal, doch Julia spreizt immer noch nicht ihre Schenkel.

 

... now i need you more then ever ...  

 

Höllische Titten! Die würden sogar dem heiligen Franziskus die Eier sprengen.  

 

I want you back again, I want your love again ...

 

»Magst du mich auch wirklich ein bisschen?«

»Klar doch!«

»Küss mich!«

 

Seine Lippen saugen sich an ihrer linken Brust fest, die noch einen Hauch größer und praller ist als die rechte. »Nein, bitte auf den Mund!« Er küsst sie mit geschlossenen Augen. »Schau mich beim Küssen an, Romeo.«  Scheiße, alles, nur das nicht! Julia anschauen, beim Ficken ihre Schweinefresse sehen? Dann kippt er mir um.  

... and still I wonder why ...  

»Romeo, sag mir was Liebes.«  Romeo fingert zwischen Julias Schenkeln herum. Julia verkrampft sich.  »Hör auf! Bitte, so kann ich das nicht.«  Was soll die Scheiße? Erst einen irrsinnig anheizen ...  Romeos Penis schrammt an Julias Schenkeln entlang.

 

»Hör auf. Bitte!«

»Was ist los, Fötzchen? Es war doch klar, dass wir ficken.«

»Rede nicht so mit mir, und nenn mich nicht Fötzchen.«

»Hab dich nicht so.«

»Ich will nicht!«

 

Julia versucht Romeo weg zu schieben. Klatsch! Julias Kopf fliegt nach links. Klatsch! Julias Kopf fliegt nach rechts. Julia schreit.  »Hör auf zu schreien.« Bitte, Fötz ... Julia, hör auf zu schreien!« Julia schreit gellend. Romeo ballt die Faust und schlägt zu. Julia wird still und lässt sich widerstandslos die Schenkel auseinander schieben. Romeo setzt ihn an ... Verdammt! Furztrocken. Frigide Fotze!  ... schiebt mit aller Gewalt, bekommt ihn endlich ganz rein, und beginnt kräftig zu stoßen. Na also, jetzt flutscht es ja doch. Und wie! Sie sind doch alle gleich. Sobald du ihn drin hast, schmatzen alle Mösen. Julia bewegt sich keinen Millimeter, liegt da wie ein Brett, gibt keinen Ton von sich. Sie hat den Kopf zur Seite gedreht und starrt mit ihren kleinen Augen ins Nichts. Scheiß drauf. Ich ficke! Hektische Stöße, ein Penis wird hastig heraus gezogen und zwischen pralle Brüste geschoben, wo er sich zuckend entleert. Blut, Sperma und Tränen bilden ein Rinnsal. Romeo greift nach den Gitane auf dem Nachtschränkchen, zündet sich eine an, nimmt drei vier tiefe Züge, wischt sich mit Julias Bluse das Glied ab, steht auf, zieht sich an ... und geht.  

 

... you don't know what's going on I say baby, baby, baby you're out of time ...  

 

Die Zitate in fetter Kursivschrift stammen aus Songs der Stones.

 

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