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Texte von H. Kapeller (kap)

Ein Paar in den besten Jahren

Charly öffnet widerwillig und mühsam die verklebten Augen, kratzt seinen schuppigen Kopf und schaut auf den Wecker. Mhm ... erst acht Uhr, stellt er ärgerlich fest und rülpst laut, ja regelrecht wütend, so als wolle er sagen: »Scheiße, am Wochenende sollte man ausschlafen!« Diese, eigentlich belanglose Tatsache, viel früher, als an Wochenenden üblich, aufgewacht zu sein, besiegelt Charlies Schicksal. Er trifft die unheilvolle Entscheidung: Heute rasiere ich mich ausnahmsweise einmal nass! Im Bad greift Charly nach einem dieser Vergrößerungsspiegel, die halb blinde, fette, und nach jungen Mädchen gierende, eklige Männer in den besten Jahren bei der Nassrasur verwenden, um die Gefahr von Schnittverletzungen zu verringern. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn dadurch kann er es nicht vermeiden sein Aussehen zur Kenntnis zu nehmen. Im Spiegel glotzt ihm, aus roten, von Tränensäcken fast verdeckten Schweinsaugen, eine Ohrfeigenvisage blöde entgegen. An der Stelle, wo man eigentlich ein Gesicht erwartet, befindet sich bei ihm ein schwammiger, teigiger und fett glänzender Vollmond. Vor Schreck schneidet er sich tief!

WAS? Dieses eklige, undefinierbare ETWAS soll ein Gesicht sein? Ausgeschlossen! WIE BITTE? Nicht irgendeines, sondern sogar sein Gesicht? Unmöglich, völlig unmöglich! Er ist doch erst Anfang Fünfzig. Genau so alt wie »Pierce Brosnan« und wer wagt es, über den zu sagen, dass er ein alter, hässlicher Mann sei? Pierce Brosnan und er sind doch: MÄNNER IN DEN BESTEN JAHREN! Aber der hier, dieser Kerl im Spiegel, hat bestimmt die Sechzig weit überschritten. Eindeutig ein kaputtes, versoffenes, stinkendes Individuum, dessen Hirn und Hoden schrumpfen und bei dem als Ausgleich dafür Bauch und Prostata wachsen. Dieser Kerl, das ist nicht ER. Charly ist sich völlig sicher, dennoch wird ihm vor Schreck übel. Er stülpt sein schwabbeliges Gesicht in das Klo und befreit seinen Magen von ungefähr zwei Liter übelriechender Flüssigkeit, einer halb verdauten Currywurst, etwas Kartoffelsalat und einem stark deformierten Kronenkorken, mit der noch teilweise erkennbaren Aufschrift: Maisel´s Weis ... Leider verbessert diese Aktion sein Aussehen nur unerheblich, wie er, nach einem Blick in den Spiegel, betrübt feststellen muss. Bedingt durch eine kleine Konzentrationsschwäche, küsst er zwar mit seiner Stirn die Kloschüssel, aber dieses Froschgesicht im Spiegel verwandelt sich nicht einmal in die hässliche Visage von Prinz Charles, geschweige denn, in das Antlitz eines Märchenprinzen.
 

Wieso rasiere ich mich auch nass? Leute mit einem empfindlichen Magen sollten sich vernünftiger verhalten.Zuerst einmal einen Beutel Gelusil auflösen, am besten in einem Maisel´s. Die geplagte Magenschleimhaut wird es mir danken. Dann eine Aspirin nehmen, gleich geht es mir besser, überlegt Charly.
Langsam beginnt er zu hoffen, dass der Horror beendet ist. Ein gravierender Irrtum, wie sich sofort herausstellt, denn er begeht den Fehler, in die Küche zu gehen.

NEEEIIINNN!

In der Küche steigert sich der Grauen unermesslich. Eine schlampige, fette Qualle, mit Lockenwicklern in den nur noch spärlich vorhandenen Haaren, hält sich dort auf. Ein Gesicht besitzt dieses Wesen nicht, sondern eine runde, dicke, kalkweiße Fläche, darauf kleben grüne Gurkenscheiben, und zwei kleine, rot entzündete Augen starren ihn feindselig an. Das Wesen lässt den schmuddeligen Bademantel aufklaffen und entblößt gnadenlos zwei hängende Schläuche, die ihn an die Zitzen eines weiblichen Tieres erinnern.

Oha, vermutlich ein Weibchen! Hoffentlich ohne Nachwuchs, denn dann sind sie ja besonders gefährlich
 

Charly sieht vorsichtig noch einmal hin.

DAS DING SEINE FRAU? Unmöglich, völlig ausgeschlossen. Er hat seine Uschi und erst recht deren Muschi, zwar schon seit Jahren nicht mehr richtig angesehen, aber sooo verändert kann sie sich doch unmöglich haben. Dieses Monster inspirierte vermutlich Stephen King zu seinem Erfolgsroman: »ES«. Verdammt, sicher gibt es auch ein Männchen, und dieser Hengst, Eber, Rüde oder wie auch immer die männlichen Monster genannt werden, schneidet ihm den Fluchtweg ab, befürchtet Charly.

»Morjen,« sagt das Ding.

Sprechen kann Es also auch. Es gibt also schwache Indizien, die darauf hindeuten, dass dieses Wesen menschlicher Abstammung ist, aber ganz sicher ist Charly keineswegs. Wie verhalte ich mich jetzt wohl am geschicktesten? Das intensive Grübeln lässt ihn doch noch das Ei des Kolumbus entdecken: Zeit gewinnen, das ist der Schlüssel, um lebend aus der Küche zu kommen. Er entschließt sich zu einer vorsichtigen Vorgehensweise. »Einen wunderschönen guten Morgen«, antwortet er dem Ding, betont höflich. Er schaut zu dem Wesen. Es scheint ihn im Moment vergessen zu haben. Selig schmatzend und aus den Mundwinkeln, geifernd stopft Es sich ein großes Stück Blutwurst in das Maul. Eine Tatsache, die ihn sofort äußerst alarmiert.

AHA, aufgepasst! EIN FLEISCHFRESSER! Also, doch nicht seine Uschi, die isst doch morgens keine Wurst, oder doch? Für Charly gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass »Es« die Blutwurst nur mangels anderer Alternativen frisst, wie zum Beispiel: fette, schwabbelige und nach jungen Mädchen gierende, eklige Männer in den besten Jahren.

Ein verstohlener Blick auf die gichtigen Finger des Wesens erweckt bei ihm den Verdacht, dass Es erhebliche Mengen Fleisch vertilgt.

Unter irgendeinem Vorwand muss er sich verdrücken. An die Haustür lässt »Es« ihn sicher nicht heran, aber vielleicht wenigstens auf den Balkon, wo er Hilfe herbei schreien kann. Hoffentlich mag »Es« Zigarettenrauch nicht, und der Vorwand, eine Zigarette rauchen zu wollen, bringt ihn wenigstens aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Einen Versuch ist die Sache wert. Was aber, wenn die Fluchtabsicht erkannt wird?

Charlies Kopf raucht regelrecht, so verzweifelt sucht er nach einem Ausweg. Ihm tritt der kalte Schweiß auf die Stirn. Er greift nach der Papierrolle und reißt ungefähr drei Meter ab. Damit wischt er sich erst einmal den Schweiß von der Stirn. Jeweils einen Meter, zu Kugeln geformt, klemmt er links und rechts in die Achselhöhlen. Diese Schweißfänger benötigt Charly unbedingt. Ein kühles Maisel´s, gegen den völlig trockenen Hals wäre nicht schlecht, überlegt er. Behutsam und schnelle Bewegungen vermeidend, pirscht er sich zum Kühlschrank vor. Aus triefenden Augen beobachtet »Es« ihn aufmerksam, jedoch ohne besondere Unruhe. Er kann also einen Schritt weiter gehen. BLOPP!! Mit einem saugenden Geräusch öffnet sich die Kühlschranktür. Oh Gott, zu laut.Viel zu laut! Das Wesen hebt den Kopf, findet aber dann doch die Blutwurst interessanter. Sprungbereit und den Blick immer auf Es gerichtet, tastet Charly blindlings nach einer Flasche Maisel's Weisse. Normalerweise zieht Charly die Maisel´s schneller aus dem Kühlschrank, als Doc Holliday seine Colts aus dem Halfter. Aber bei diesem Wesen ist äußerste Vorsicht wichtig, Schnelligkeit ist Nebensache. Durch vorsichtiges Herausheben vermeidet Charly ein provozierendes Klirren. Den Kühlschrank leise geschlossen, den Kronenkorken gefühlvoll aufgehebelt, die Flasche behutsam angesetzt und AAAHHH! Schon viel besser. Jetzt bringt er den Mut auf, mit ES zu reden.

»Du, ähem, ähem ...«

Wie spricht man denn so ein Wesen neutral an? Charly weiß es jedenfalls nicht, und daher sagt er nur: »Ich geh mal auf den Balkon, eine Zigarette rauchen«, und bewegt sich auf die Tür zu. Frechheit siegt! Das Ding ist mit Fressen und Schmatzen voll ausgelastet und macht keinerlei Anstalten, ihm den Weg zu versperren. Er sprintet hinaus auf den Balkon.

WIEDER EIN SCHWERER FEHLER!

Die Sonne scheint schon, und das grelle Licht tut seinen entzündeten Augen gar nicht gut. Hilflos, wie ein vom gnadenlosen Sonnenlicht überraschter Vampir, schwankt er hin und her. Aus reiner Gewohnheit kotzt Charly zunächst noch einmal, diesmal auf den Balkon seines Nachbarn. Das ununterbrochene Husten, welches bellend die ganze Nachbarschaft weckt, erweist sich als zusätzliches Handikap. Heute kommt es knüppelhart! Aus der Wohnung nähert sich ein schlurfendes Geräusch. Charly schaut schnell durch das Glas der Balkontür.

ES KOMMT!!

Mit unglaublicher Willensstärke gelingt es ihm, das Wesen nochmals anzusehen. Das schlurfende Geräusch erzeugen anscheinend alte, von schwitzenden Plattfüßen jahrelang abgelatschte Pantoffel. In diesen stecken zwei von Krampfadern überzogene Gebilde, die weiter oben in eine gallertähnliche Masse übergehen. So eine Art drei Zentner schwerer Pudding mit Zellulitis. Mein Gott, die unglaubliche Hässlichkeit von dem Ding erschreckt ihn schon wieder. Verzweifelt und mit beginnender Panik sieht er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um.

Wieso wohne ich auch ausgerechnet im zwanzigsten Stockwerk?
 

Das Schlurfen hört man jetzt schon alarmierend laut.

Vielleicht kommt jetzt auch noch der Rüde! Wenn das Weibchen schon so schlimm aussieht, dann muss der Anblick des Rüden unerträglich sein. Sicherlich besitzt er ein aufgedunsenes, schwammiges, teigiges ETWAS, anstelle eines Gesichtes und rote, von Tränensäcken fast verdeckte Schweinsaugen. So wie ein fetter, schwabbeliger, und nach jungen Mädchen gierender, ekliger Mann in den besten Jahren.

SOOO WIIIEEE? NEEEIIINNN! ER, DER RÜDE DIESES WESENS? SIE SIND EIN PAAR IM BESTEN ALTER? VIELLEICHT SOGAR DAS TYPISCHE PAAR IN DEN BESTEN JAHREN?

Möglicherweise versucht Uschi ihn sogar zu küssen, oder, der Gipfel des Grauens: USCHI WILL SEX MIT IHM!

Charly springt hektisch zur Brüstung des Balkons und guckt gehetzt hinunter auf die Straße. Mhm, sieht gut aus, das reicht ganz sicher..., stellt er beruhigt fest. Charly war in seiner Jugend Turmspringer und die Gewissheit, dass der Sprung absolut sicher klappen wird, lässt ihn in eine nahezu euphorische Stimmung fallen.
Das Lied summend: »Fly... fly... fly away...düdel...düdel...düüü... pretty Flamingo...«, klettert Charly auf die Brüstung. Er stößt sich ab, dreht schmunzelnd eine äußerst gelungene Schraube und klatscht mit dem elegantesten Pfeil seines Lebens auf den Asphalt

© 1998 by kap.

 


 



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