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Texte von H. Kapeller (kap)

Ruckzuck

Charly

»Die hohe, kriminelle Energie des Angeklagten ... , der Staatsanwalt Roman Hering, genannt Roman der Hai, hielt sein Plädoyer! Ich hörte kaum hin, schließlich betraf es mich als einen der Angeklagten ja nur am Rande. Wichtigere Rätsel quälten mich. Was für Brüste die Schöffin wohl unter ihrer Robe versteckt?

»… der nicht unerhebliche, materielle Schaden … «

Ich tippte auf melonenförmige Titten, mit großem Warzenhof. Immerhin saß ich schon zwei Monate in Untersuchungshaft, und solche Fragen beschäftigten mich immer stärker. Im Kessel ging zwar das Gerücht umher, dass in dem Pfefferminztee, den es jeden Abend gab, Hängolin wäre, doch ich musste gegen das Zeug immun sein. Meiner hing nie! Im Gegenteil, ich lief mit einem Dauerbolzen durch die Gegend. Im Knast natürlich so nützlich wie ein Kropf.

» Der Angeklagte ist, trotz seiner Jugend, streng zu bestrafen! «

Das Gemurmel vom Hai hörte ich nur ganz schwach im Hintergrund. Es ging sowieso um Schnippeltoni. Der Hai hackte schwer auf ihm herum. Mein Freund saß - völlig am Boden zerstört - neben mir. Mit weit aufgerissenen Augen und Ohren hörte er erschrocken dem Gesabbel des Staatsanwalts zu. Mich konnte der am Arsch lecken, ich grübelte weiter über existenzielle Fragen nach. Ob die Schöffin wohl große Nippel hat? Ein langer Blick zu ihr, sie spürte meine Gier, hob den Kopf und schaute mich an. Ich zwinkerte ihr zu. Ein verstohlenes, verdammt geiles Lächeln huschte kurz über ihr Gesicht. Neben mir seufzte Toni tief.

»... eine harte Strafe erscheint der Staatsanwaltschaft ... «,

hörte ich den Terpentinpauli der Staatsanwaltschaft, um Zustimmung bettelnd, sein Manuskript abspulen. Toni schluckte, und ich schämte mich für ihn. Mich ließ der Mist völlig kalt, denn Bewährungswilly führte als Jugendrichter die Verhandlung und der würde uns niemals wegen Autodiebstahl und ein paar kleinen Einbrüchen noch länger ins Loch stecken. Allerdings zählte es bei Toni diesmal als schwerer Diebstahl im Rückfall.Trotzdem war klar, dass Willy auch ihn noch mal laufen lassen würde. Ich stieß Toni mit dem Ellenbogen an, erschreckt fuhr er hoch. Was iss denn mit dem los, dachte ich noch, als er nicht einmal auf mein Zublinzeln reagiert. Na gut, Schnippeltoni nahm den Knast schon immer sauschwer. Kurz nach der Verhaftung säbelte er sich mit ner Rasierklinge den kompletten linken Unterarm auf.

»Toni, in zwei Stunden sind wir draußen und spätestens in drei, vögeln wir, bis der Arzt kommt«, flüsterte ich ihm verstohlen zu, doch er schien mich nicht gehört zu haben. Das Stichwort vögeln, erinnerte mich an die Schöffin, und ich blinzelte ihr wieder zu. Ihre Zunge fuhr nervös über die Lippen und sie errötete tatsächlich etwas. Die Fantasie ging mit mir durch: Die Schöffin lächelte mich an, stand auf und hob die Robe. Selbstverständlich trug sie nur eine Perlenkette darunter und hatte wirklich melonenförmige, volle Titten. Sie legte sich auf den Richtertisch und sah mich herausfordernd an. Ich hechtete hastig über die Barriere der Anklagebank und rannte mit vorgeschnelltem Bolzen auf sie zu. Als ich ihre prallen Brüste in den Händen hielt, bekam ich vor Geilheit ne Gänsehaut!

« ... schon wegen des Abschreckungseffektes als zwingend notwendig ... «

Ich besorgte es ihr fürchterlich auf dem Richtertisch. Die Schöffin ging voll mit, sie fickte einfach fantastisch. Roman Hering redete und redete - Charly Kappler vögelte und vögelte.

»Die Unverfrorenheit, mit der die Angeklagten vorgingen, veranlasst uns harte Haftstrafen zu fordern. Die Staatsanwaltschaft beantragt für Charly Kappler eine Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten ...«

Diese Forderung konnte mich nicht beim Vögeln stören. Ich kannte das Spiel doch ganz genau. Bewährungswilly würde mir höchstens neun Monate auf Bewährung geben, der Hai, bei Toni, zwei Jahre fordern und sich zum Schluss mit zwölf Monaten auf Bewährung zufrieden geben. Ich zuckte die Schultern, hob die Schöffin an den Arschbacken hoch und fickte weiter.

« ... bei Antonio Palumbo kommt noch straferschwerend die Tatsache hinzu, dass es sich in diesem Fall um schweren Diebstahl im Rückfall handelt, daher beantragt die Staatsanwaltschaft für ihn eine Jugendstrafe von drei Jahren«.

Das durfte doch nicht wahr sein! Drei Jahre? Ich guckte zu Toni. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Oh Gott, hoffentlich schnippelt der nicht nachher wieder in der Gegend herum, ging es mir durch den Kopf. Ich schaute zum Staatsanwalt. Die fetten, wabbeligen Hängebacken zitterten vor Anstrengung, seine Freude zu verbergen. In den ekligen, schwarzen Fischaugen erkannte ich nicht die geringste Gefühlsregung, aber für mich stand völlig fest, dass in seiner Hose ein enormes Gerät herumwippte. Der Hai beendete sein Plädoyer!

Der große Auftritt meines Pflichtverteidigers kam:

»Hohes Gericht, der Angeklagte Charly...äh... ähem...«, er räusperte sich verwirrt und fuhr dann, nach einem verstohlenen Blick auf die Akte fort, »...äh, besser gesagt, der jugendliche Angeklagte Charly Kappler...« Und dann ging es los: Er bediente sich sämtlicher Klischees und zeichnete folgendes Bild: Vater soff - Mutter schrie - Kind heulte, Kind lief von Zuhause fort. Kind lernte böse Buben kennen, böse Buben verführten Kind zu bösen Taten, usw., usw. Er redete nur absoluten Quatsch, kein Mensch hörte ihm zu.

»Charly ist eindeutig ein milieugeschädigter Jugendlicher, man muss einfach die schwierigen Familienverhältnisse berücksichtigen ...«

Immer dieselbe Scheiße! Meine Ollen waren ganz okay. Was konnten sie dafür, dass ich einfach keinen Käfer fahren wollte und mir das Einbrechen mehr Spaß machte, als für ein paar Mark den Dinnelo auf dem Bau zu spielen? Mein Gott, was für ein Dödel, ging es mir durch den Kopf. Gelangweilt sah ich mir die Gestalten im Gerichtssaal an. Der Hai studierte aufmerksam seine Fingernägel und die Schöffin war voll damit ausgelastet, meine gierigen Blicke zu ignorieren. Ihr Kollege erweckte den Eindruck, als hätte ihm heimlich einer den Finger in den Arsch gesteckt und als würde er darüber nachgrübeln, welcher böse Schelm das wohl war. Ich guckte zu Bewährungswilly. Offensichtlich hörte der auch nicht diesem Bossi zu. Er hatte die Augen geschlossen und war eingenickt.

»Charly ist doch erst sechzehn Jahre alt«, gab der Pflichtverteidiger zu bedenken. Das erste vernünftige Argument! Interessiert schaute ich wieder in die Runde. Gegen den Gaskopf von der Staatsanwaltschaft, musste Buddha hektisch und gestresst wirken. Der Schöffe hatte immer noch den Finger im Arsch, sein blöder Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen.

»SECHZEHN JAHRE...«, wiederholt der Anwalt eindringlich! Bewährungswilly nickte bei diesen Worten zustimmend mit dem Kopf. Ich war völlig beruhigt.

»Willy wird das Kind schon schaukeln, Toni«, quetschte ich aus den Mundwinkeln zu dem Zombie neben mir hinüber, doch der antwortete nicht, denn jetzt spielte sein Pflichtverteidiger die Milieuplatte ab. Naja, irgendwann war auch das vorbei. Bewährungswilly schaute zu uns: »Möchte einer von euch noch was dazu sagen?« Ich schüttelte den Kopf, aber Toni stand auf und stammelte peinliches Zeugs darüber, wie sehr es ihm leidtue, dass er alles tief bereue und sich bessern wolle. Dann fing auch noch seine Mutter laut zu schluchzen an.

»Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück!«

Das war natürlich nur für den Spinner vom örtlichen Käseblatt und unsere Mütter gedacht. Bewährungswilly, der Hai und ich wussten: Das Urteil stand schon seit Tagen fest. Die Schöffin, mit den melonenförmigen Titten, der Schöffe, mit dem Finger im Arsch und Bewährungswilly berieten also angeblich über unser weiteres Schicksal. Mir war es egal. Durch diese Farce kam ich endlich zu einer Zigarettenpause.

 Toni

»Der Angeklagte wird in die Vollzugsanstalt überführt. Die Verhandlung ist geschlossen! « Gelähmt sitzt Antonio auf der Anklagebank! Langsam, in Zeitlupe, hebt er seinen Kopf. Ist es wirklich wahr, dass Charly eben auf Bewährung raus marschierte und ich für drei Jahre in den Knast muss? Gleich werde ich aus diesem Albtraum aufwachen! Der Jugendrichter Wilhelm Böhringer schaut ihn mitleidig an, dann seufzt er tief, steht auf und verlässt den Saal. Hinter sich hört der Junge ein tiefes Schluchzen. Für seine Mutter ist er immer noch der kleine Toni, das unerwartet harte Urteil verstört sie arg.

»Palumbo ...« durch dicke Watte hört er seinen Namen. »Hey, Palumbo, verabschiede dich von deiner Mutter, bevor ich dir die Handschellen umlegen muss«, sagt sein Bewacher und mustert ihn sichtlich nervös. Offensichtlich hat er Angst, dass Antonio ihm Schwierigkeiten macht, aber der ist viel zu sehr geschockt. Ein Zombie ist es, nicht Antonio, der Halt suchend zu seiner Mutter hinüber stolpert, aber ihre Umarmung und das Schluchzen verschlimmern die Sache nur noch mehr. Ziemlich hilflos küsst er sie zum Abschied auf die Wange, dann streckt er dem Wächter seine Arme entgegen. Stark erleichtert legt ihm der Justizbeamte die Schelle um die Handgelenke. Wie Schlachtvieh, das sich teilnahmslos am Strick zum Metzger führen lässt, trottet er neben dem Beamten her und lässt sich brav in den Transportwagen einsperren. Von der Fahrt bekommt er überhaupt nichts mit. Erst als der Wagen mit einem heftigen Ruck vor dem riesigen Gefängnistor hält, schreckt er auf. Quietschend öffnet sich einer der Flügel und sie fahren rein. Antonio schaut durch das vergitterte Fenster des Transporters. Er sieht einen uralten, düsteren Kasten, mit meterdicken, hässlichen grauen Mauern! Antonio dreht den Kopf nach links und sieht eine Mauer. Er schaut nach rechts und sein Blick prallt wieder auf eine Mauer. Verzweifelt, in der Hoffnung, etwas anderes zu sehen, guckt er schnell nach oben, aber dort grinst nur der Stacheldraht höhnisch vom Mauerrand herunter. Der Transportwagen hält an. Schweigend schließt der Wächter die Tür auf. Schweigend nimmt er Antonio die Handschellen ab, und ebenso schweigend bringt er ihn zu seiner Zelle. RUMMS! Die Tür ist zu. Allmählich nimmt Antonio seine Umgebung wahr. Links, an der Wand, ein hochgeklapptes, mit einem Schloss gesichertes Bett aus Eisen. An der Stirnseite der Zelle steht ein klappriger Tisch, mit Hocker. Daneben ein kleiner Schrank, auf dem sich etliche Vorgänger von ihm mit Kritzeleien verewigten. In der Ecke das Klo und ein Miniwaschbecken. Das kleine Fenster befindet sich fast an der Decke, um es zu erreichen, müsste Antonio auf den Tisch steigen, doch wozu sollte er das tun? Vor dem Fenster sind Sichtblenden angebracht - milchiges Glas, mit Drahtfäden darin.

Antonio sitzt auf dem harten Hocker und versucht zu begreifen, was sein Strafmaß bedeutet. Drei Jahre! Einhundertsechsundfünfzig Wochen, eintausend … Antonio hebt lauschend den Kopf - er hört Schritte im Flur. Sie nähern sich seiner Zellentür. Gegen jegliche Vernunft keimt Hoffnung in Antonio auf. Vielleicht lässt mich Bewährungswilly doch wieder raus? Vielleicht wollte er mir nur klarmachen, was mir blüht, wenn ich noch mal Scheiße baue? So eine Art allerletzte Warnung? Verdammt noch mal, geht das nicht schneller? Ist es denn eine so langwierige Sache, zwei Riegel zurückzuziehen und eine Zellentür aufzuschließen? Endlich hat es der Wächter geschafft, er steht in der geöffneten Zellentür.

»Hier ist Anstaltskleidung! Zieh dich um, in zehn Minuten hole ich deine Privatklamotten ab. Sie müssen in die Kleiderkammer zum Einmotten.«

Mehr sagt der Wächter nicht, aber es gibt auch nicht mehr zu sagen. Fassungslos, völlig erstarrt und mit offenem Mund steht Antonio in seiner Zelle. Die Riegel sind schon längst wieder zugeknallt, die Tür verschlossen, aber er steht immer noch so da. Er versucht seine Gedanken zu ordnen. Umziehen soll ich mich, die Privatklamotten kommen auf die Kleiderkammer, zum Einmotten! Antonio öffnet die Schnalle seines Gürtels. Einmotten müssen sie meine Sachen. Er zieht langsam den Gürtel aus den Schlaufen seiner Jeans. Wahrscheinlich ist es sinnvoll, die Kleider einzumotten, immerhin werden sie drei Jahre in der Kleiderkammer sein. Antonio muss schlucken, doch das nützt nichts, der riesige Kloß in seinem Hals bleibt trotzdem. Nachdenklich schaut er den lose in seiner Hand hängenden Gürtel an. Antonio stutzt, sein Blick richtet sich hoch zu den Gitterstäben am Fenster und dann wieder zurück auf den Gürtel.

»Drei Jahre, Toni, das hältst du nie aus«, flüstert eine, vor Erregung heisere Stimme dem Jungen zu. »Drei Jahre in diesem Loch! Glaubst du wirklich, dass deine Gina so lange auf dich wartet?« Antonio hebt den Kopf. Endlich jemand, der ihn versteht. »Glaubst du wirklich, dass sie nach der Disco immer alleine nach Hause gehen wird? Ich sag dir was, Toni, bei einsamen Mädchen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich, von einem, der sie heimfährt, im Auto ficken lassen. Es fängt mit einem halbwegs harmlosen Kuss an, und nach einigen weiteren Küssen, werden sie schwach. Klar, Gina liebt dich, sie wird es sicher tief bereuen und sich schwere Vorwürfe machen, aber …«

Antonio weint hemmungslos.

»Auf was wartest du eigentlich noch? Willst du warten, bis Gina verführt wird? Willst du warten, bis ein anderer, mit vor Geilheit schweißigen Händen, Ginas kleinen, süßen Po begrabscht? Willst du warten, bis er seinen Schwanz dort reinsteckt? Machs jetzt, bevor die, bei denen Gina schwach wurde, schlecht über sie reden und über dich lachen können. Sei ein Mann! Nimm den Gürtel, es ist ganz leicht, Toni. Machs, für Gina! Machs, für dich!«

Antonio schaut wieder, immer noch zögernd, auf den Gürtel in seiner Hand.

»Willst du drei Jahre hier schmoren und dich mit solchen Gedanken quälen? Oder willst du das alles dir und auch Gina ersparen? Drei Jahre diese Folter, Toni? Das hier, tut nicht weh, und es geht ruckzuck. Glaub mir, Toni. Ruckzuck!«

Das Flüstern verstummt. Die Grabesstille, die darauf folgt, verstärkt die Wirkung der Worte um ein Vielfaches. Das gibt Antonio den Rest. Und der Flüsterer kommt - durch diese wahrhaft teuflische Lüge - voll auf seine Kosten. Es geht natürlich nicht ruckzuck.

 

© 1998 by kap

 





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