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STADTFAHRT
»Gimmirdaigeld, gimmirdaigeld, deine Kette, deine Uhr,
gimmirdaigeld, gimmirdaigeld, deine Jacke, deine Schuhe, gimmirdaigeld,
gimmirdaigeld, gib mir alles, was du hast, und ich zieh dich ab zum Spaß …
Wir kommen aus Freiburg, representen unsere Stadt, unsere
Straßen, unsere Viertel und die Homies aus dem Block. Wir leben in Freiburg,
neben Türken, Albanern, Arabern, Afrikanern, Zigeunern, Russen und Bosniern. Wir
rappen von Freiburg, weil das Leben hier hart ist. Jeder gegen jeden ...
Fickst du mit Freiburg, wirst du platt gemacht. Fünf aufs
Maul, du Napf, von allen Seiten der Stadt. Freiburg … (Don’t play with these
kids …). Freiburg … Freiburg … (Don’t play with these kids …).«
Zitat aus dem Rap: »GimmirdaigeldFreiburg«, der
»Rapkillaz« (Ren da Gemini), deren Wiege in Freiburg-Weingarten stand, einem
sozialen Brennpunkt.
Den Funkauftrag:»Colombi Hotel, auf den Namen Green«,
erhielt ich letztes Jahr, im Oktober, bei Traumwetter, einem Altweibersommer wie
im Bilderbuch, typisch für Freiburg, das an solchen Tagen seine Schokoladenseite
zeigt. Es war wenig los, ich stand schon über zwei Stunden am Hauptbahnhof und
war somit froh, endlich wieder einen Auftrag zu bekommen und sei es vom Colombi,
auch wenn die Gäste des Fünf-Sterne-Hotels für ihre Arroganz und ihren Geiz
berüchtigt waren. Mein Fahrgast, Mitte Siebzig, eine Dame, Designerschuhe
(vermutlich Sergio Rossi), elegantes, sehr geschmackvolles Kostüm, Louis
Vuitton-Täschen und silbergraues Haar, dessen Farbe und Schnitt sofort
verrieten, dass dort ein Meister seines Faches am Werke gewesen war, erfüllte
meine Erwartungen voll. Als ich ihr die Beifahrertür öffnete, sagte sie sehr
kühl und distanziert, in ausgezeichnetem, fast akzentfreiem Deutsch:
»Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich gerne hinten
sitzen.« »Ganz wie Sie wünschen.« »Zum jüdischen Friedhof, bitte.«
Die Fahrt zum jüdischen Friedhof, in der Elsässerstraße verlief schweigend. Für
mich war die Acht-Euro-Dreißig-Fahrt schon abgehakt, doch die Dame bat mich zu
warten. Ich meldete der Zentrale: »Stadtfahrt«, stieg aus und zündete mir eine
Zigarette an. Nach zwei weiteren, kam mein Fahrgast zurück. »In die
Belfortstraße 26, bitte.« Damit war auch bis zu diesem Fahrziel alles
gesprochen. Bei der Belfortstraße 26 handelte es sich um ein unscheinbares,
sogar ein wenig heruntergekommenes Mehrfamilienhaus, direkt gegenüber der
Universitätsbibliothek. Ich fragte mich noch, was jemand, vom Colombi, in diesem
alten Kasten wollte, als die Dame schon selbst die Tür öffnete und mit einem
Fotoapparat in der Hand ausstieg. Sie ließ mir nicht viel Zeit zum Nachdenken,
schoss nur drei oder vier Bilder und kam dann gleich zurück.
»Zum Colombi?« »Nein, ich fliege morgen zurück und
möchte noch einige Eindrücke vom gegenwärtigen Freiburg mitnehmen.«
Aha, Madame geruhen mit den unteren Chargen zu sprechen.
»Schwerpunkt Innenstadt?« »Beginnen wir mit dem Platz
der alten Synagoge, und dann sehen wir weiter.«
Ich schaute verstohlen auf den Ticker: € 28,70,
IMMERHIN!, setzte den Blinker und bog nach links ab, in den Werderring, zum
Platz der alten Synagoge, Entfernung einhundert Meter Luftlinie.
»Soll ich hier halten?« »Nein danke! Fahren Sie
einfach weiter.« Das wunderte mich nicht, am Patz der alten Synagoge
gab es eigentlich nichts zu sehen. Nur einen Wegweiser:»Gurs 1207 KM« - mehr
nicht. Ich fuhr weiter in die Bertoldstraße, Richtung Bertoldsbrunnen.
»Hier beginnt die Fußgängerzone, sozusagen die
Shoppingmeile Freiburgs, weiter geht’s nicht. Ich muss jetzt rechts abbiegen.«
»Dann tun Sie das doch.« »Herzlichen Dank!«
Also tuckerten wir, mit der vorgeschriebenen
Schrittgeschwindigkeit, die Universitätsstraße entlang, Richtung Martinstor.
Kurz vor der Einmündung in die frühere Adolf-Hitler-Straße fragte mich mein
Fahrgast:
»Wie heißt diese Straße momentan?«
Ich hielt an und ließ die Straßenbahn durch.
»Kaiser-Joseph-Straße.« »Danke. « Die
Straßenbahn war vorbei. Wir fuhren durch das Martinstor, und ich ordnete mich
links, in Richtung Schloßbergring ein. Die übliche Route, weiter durch das
Schwabentor, in die Konviktstraße, mit ihren sehenswerten Fachwerkhäusern, dann
über die Schoferstraße zum historischen Kaufhaus. Fotomotive ohne Ende, doch
mein Fahrgast schwieg und bat mich nirgends anzuhalten. Nicht einmal auf dem
Münsterplatz, wo eine Gruppe Japaner das Münster um die Wette knipste und
Touristen aus aller Herren Länder umher schwärmten. Die vielen Fußgänger
verlangten meine volle Konzentration, so dass ich sogar die im Fond sitzende
Dame vergaß. Erst in der Mozartstraße, die ich routinemäßig wegen ihrer
prächtigen Kastanienbäume, im schönsten Herbstkleid, und reizvollen, alten
Villen angesteuert hatte, als sie sagte: »Freiburg soll ja heute eine
multikulturelle, weltoffene, sehr tolerante Stadt sein«, wurde mir wieder
bewusst, dass die Fahrt recht lukrativ zu werden versprach. Der Taxameter stand
bei: € 38,20. »In der Tat, eine multikulturelle, weltoffene sehr tolerante
Stadt, so sagt man«, bestätigte ich. Inzwischen waren wir an der Kreuzung
Hauptstraße angekommen, in unmittelbarer Nähe der Sonnhalde. Hoch auf den
Sonnenhügel, rauf zu denen, die einen Platz an der Sonne ergattert haben! Zeit
alle Register zu ziehen.
«Würde Sie eine dezente Musik stören?« «Nein!«
Ich legte meine Stadtfahrt-CD ein und begann die
Sonnhalde zu erklimmen. Sie wurde ihrem Namen gerecht. Ideale Bedingungen, da es
auf den Abend zu ging, konnte ich meinem Fahrgast einen Sonnenuntergang der
Güteklasse 1A bieten. Im Hintergrund sang leise die Groove Armada:
I never really felt quite the same, Since I've lost
what I had to gain No one to blame, no one to blame ...
Und so glitten wir schweigend die Sonnhalde entlang.
Vorbei an dem noch verhältnismäßig schlichten, hinter einer hohen Hecke
verborgenen, von zwei wild bellenden Deutschen Schäferhunden bewachten Haus des
Chefredakteurs eines vorbildlich liberalen Blattes (Ein Kunde von uns). Vorbei
an mittelprächtigen Villen diverser Manager und Geschäftsleute, von denen
etliche im Stadtrat saßen, bis hin zu jenem Prunkbau, nahe der Wendeplatte, wo
die Argusaugen zahlreicher Videokameras argwöhnisch die Umgebung beobachteten.
Dem schönsten Platz an der Sonne, mit erstklassiger Fernsicht und einem
überwältigenden Blick auf das weltoffene Freiburg.
... Seems to me, can't turn back the hands of time
Oh it seems to me, can't turn back the hands of time Seems to me, my history
was left behind
»Halten Sie bitte an, ich möchte aussteigen.«
Na also!
Mein Fahrgast stieg aus, ging einige Schritte und
schaute, in Gedanken versunken, auf die Stadt hinunter. Der Fotoapparat blieb
auch diesmal auf dem Rücksitz liegen, trotz des beeindruckenden Abendrots, im
Hintergrund, und der untergehenden Sonne, eine Handbreit über den Tannen des
Schwarzwalds. Die Dame schien mehr als nur die Kamera vergessen zu haben.
Endlich konnte ich mir die heiß ersehnte Zigarette gönnen. Nach einer Weile
rollte ein schwerer Mercedes heran. Schwarz, mit dunkel getönten Scheiben. Die
Videokameras schwenkten sichernd hin und her, das riesige Tor zum Hof der
festungsartigen Villa öffnete sich - fast geräuschlos, wodurch der Vorgang etwas
unwirkliches, beinahe mystisches bekam.
»Sesam öffne dich!«,
kommentierte die Dame, die unbemerkt neben mich getreten
war, leicht lächelnd. Wir sahen uns an. Ein Moment des gegenseitigen Verstehens
– ein Moment. Mit den Worten: »Würden Sie mich jetzt bitte zum Hotel
zurückfahren?«, zerriss die Dame das dünne Band zwischen uns.
»Selbstverständlich!«
Für die Abfahrt vom Sonnenhügel wählte ich die
Wintererstraße, am Caritas-Schulungscenter und der katholischen Akademie vorbei.
Vor dem Colombi angekommen, zahlte die Dame in bar. Ich durfte sie ins Foyer
begleiten, wo sie mir die Hand reichte und sich mit einem knappen: »Auf
Wiedersehen!«, verabschiedete.
»Cäsar Vierzehn!«, »Cäsar Vierzehn!«. Ich ignorierte das
ungeduldige Rufen des Funkers, zündete mir eine Zigarette an und dachte über
meinen Fahrgast nach. »Cäsar Vierzehn!«, »CÄSAR V-I-E-R-Z-E-H-N ...«
Ein paar tiefe Züge später, schnippte ich den heiß
gerauchten Glimmstängel aus dem Fenster, startete mein Taxi und meldete der
Zentrale:
»Cäsar Vierzehn ist frei.«
© by Kap 2007
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